10 Thesen für eine bessere Bildungswelt

Wie wir den Menschen im digitalen Wandel wieder in den Mittelpunkt stellen können.
Die Veränderungen in unserer heutigen Welt scheinen so schnell vonstatten zu gehen, dass man durchaus das Gefühl haben kann, mit den neuesten Trends und der Vielzahl an Informationen gar nicht mehr Schritt halten zu können. Im Fachjargon wird dabei oft von einer ‚VUCA Welt‘ gesprochen, also eine Realität, die sich schnell verändert, unsicher ist, immer komplexer wird und kaum mehr zu durchschauen ist. Die Bildungswelt stellt hierbei keine Ausnahme dar und oftmals fühlen sich Lernende wie Schüler und Lehrlinge von verschiedensten Berufen oder Studenten in ihrem Studium deswegen verloren. Genau in dieser schnelllebigen Welt sind klare Ziele umso wichtiger geworden, da sie Orientierung geben und Sinn stiften. 

Wie können Bildungseinrichtungen und Unternehmen den digitalen Wandel der Bildungswelt erfolgreich gestalten und es den Auszubildenden ermöglichen, mit der Flut an Informationen und Daten umzugehen? Wir haben unseren Bildungsexperten Dr. Jan Ullmann um eine Einschätzung gebeten. 

Im folgenden Artikel erklärt er, wie man eine sinnorientierte „bessere Bildungswelt“ gestalten kann und auf was es wirklich ankommt, wenn es um die Gestaltung und Zukunft der Bildung geht. Aus seiner langfristigen Erfahrung heraus, hat er 10 Thesen aufgestellt, wie dies genau in Zukunft gelingen kann.

#1 Das Ziel von Digitalisierung in der Bildung ist nicht Digitalisierung.

Es ist wichtig, menschliche Fähigkeiten, wie z.B. das 4K-Modell in den Mittelpunkt aller Arbeit im Bildungsbereich zu stellen, statt blind technologischen Trends zu folgen und ohne zielorientierte Reflexion bisherige Bildungsinhalte zu digitalisieren. Die sture Generierung von Ausbildungsinhalten in digitaler Form birgt die Gefahr, mehr Unübersichtlichkeit zu schaffen. Das heißt natürlich nicht, dass jetzt wieder zu Tafel und Kreide gegriffen werden muss! Im Gegenteil. Aber nur wenn o.g. Ziele im Mittelpunkt stehen, kann digitale Technik einen echten Mehrwert generieren, der den Menschen im Fokus hat.

#2 Es ist an der Zeit, Bildung nicht mehr so zu organisieren, als wäre es das Jahr 1900. 

Der klassische Frontalunterricht (Lehrer erklärt vorn, Schüler/-innen in Stuhlreihen hören zu) stammt aus Zeiten der ersten industriellen Revolution und hat in den meisten Fällen ausgedient. Es ist Zeit diese Paradigmen in unseren Köpfen aufzubrechen „wie Bildung eben ist“ und komplett neue Formen zur Vermittlung von Informationen zu denken, wie z.B. Blended Learning oder Flipped Classroom Szenarien. Diese ermöglichen eine zeitgemäße, azubizentrierte Organisation von Bildungsmaßnahmen, welche von digitaler Technik sinnvoll unterstützt werden kann.

#3 Es kommt natürlich immer noch auf die Ausbilder und Lehrkräfte an.

In einer großangelegten Metastudie (Visible Learning) hat der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie herausfinden wollen, was positive und negative Einflussfaktoren von Lernen sind. Wenig überraschend steht „die Lehrerpersönlichkeit“ unangefochten an erster Stelle. Das bedeutet, dass digitale Technik die Lehrkraft auch in Zukunft nicht ersetzen wird, jedoch die Rolle verändert: Vom Wissensmonopol (welches jetzt eindeutig dem Internet zufällt) zum Lernbegleiter, Kurator und Tutor. Folglich kann das Internet als größte Wissensressource von Auszubildenden zum Erlernen von Fähigkeiten genutzt werden, die bei den zu lernenden Berufen zum Einsatz kommen. Ausbilder/innen können mehr mit Erfahrung, Fachwissen und weiter menschlich mit individuellem Feedback, Kuration und Hilfe im Lernprozess unterstützen. 

#4 Gute Ausbilder und Lehrkräfte erzeugen Resonanz.

Was macht „gute“ Lehrende denn überhaupt aus? Hartmut Rosa, Soziologieprofessor an der Universität Jena, erforscht dies der sogenannten „Resonanzpädagogik“ und sagt dabei, dass die wohl wichtigste Fähigkeit einer Lehrkraft ist, Resonanz zu erzeugen. Dies kann gelingen, indem spannende und relevante Inhalte mittels einer authentischen Lehrerpersönlichkeit vermittelt werden, der die Talente der Schüler/-innen erkennt und fördert. Dadurch trägt der Lehrende unmittelbar dazu bei, dass seine Schüler eine bessere Bildung erhalten. Denken Sie dabei z.B. an ‚Ihre/n Lieblingslehrer/in‘ in der Schule und Sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach feststellen, dass genau diese Merkmale zutreffen.

#5 Kreatives Problemlösen ist wichtiger und motivierender als reine Wissensübertragung. 

Wie bereits bei These #3 angedeutet, steht quasi das komplette Wissen der Menschheitsgeschichte jederzeit über das Internet als Information zu unserer Verfügung. Reine Wissensvermittlung ist deshalb nicht nur nicht mehr nötig, sondern lernpsychologisch auch wenig effektiv. Gesteigerte Motivation entsteht stets durch kreatives Problemlösen, Ausprobieren und Gestalten, welches durch digitale Ressourcen optimal unterstützt werden kann.

#6 Wir sollten auch in technologische Menschen statt nur in technologische Technologie investieren. 

Investitionen wie der Digitalpakt der Bundesregierung sind absolut nötig, allerdings darf dabei auch nicht vergessen werden, dass reine infrastrukturelle und technische Neuerungen nicht ausreichen - es benötigt auch Menschen, die genau diese Technik betreuen. Es entstehen dabei aktuell neue Berufsbilder, wie z.B. sogenannte „IT-Digitalisierungspädagogen“ welche die Schnittstelle aus pädagogischem Feingefühl und technischem Know-how bilden. Dies ist essenziell nicht nur für den Einkauf und die technische Wartung, sondern vor allem für die technische Betreuung von Ausbildern, Lehrkräften und Auszubildenden in der Bildung. Investitionen in neue Stellen sind definitiv ein „Muss“ und kein „Kann“ mehr, wenn wir den Bildungssektor nachhaltig und sinnvoll digitalisieren wollen.

#7  Lernen ist höchstpersönlich - lasst uns die digitale Technik dafür nutzen. 

Vermutlich würde jeder zustimmen, dass das Lernen inkl. Lerntypen ein höchst individueller Prozess ist. Hier können digitale Technologien und künstliche Intelligenzen helfen, diesen Prozess zu unterstützen, indem sie Ausbildern Materialien zum aktuellen Stand und individuellen Lernpräferenzen erstellen und vorbereitenden Tätigkeiten von Ausbildern und Lehrkräften nicht (noch) mehr Arbeit machen, sondern stattdessen Arbeit abnehmen und diese erleichtern.

#8 Kompetenzen für das 21. Jahrhundert zu fördern, sollte das oberste Prinzip aller Bildungsaufgaben sein.

Wie bereits im Artikel zu "Digitalisierung und Lernen 4.0: Auf welche Kompetenzen kommt es in Zukunft wirklich an?" geschrieben steht, sind Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration in Zukunft noch wichtiger als je zuvor, weil sich diese Fähigkeiten zeitnah nicht „digitalisieren lassen“ und somit für den Menschen umso wichtiger werden. Einfache Tätigkeiten werden von Maschinen und Algorithmen übernommen, „schwierige“ Probleme bleiben dem Menschen überlassen - diese Kompetenzen können helfen, sie zu lösen.

#9 Lernen (und Arbeit im Bildungsbereich) muss Sinn ergeben. 

Vielleicht kennt man das aus der eigenen Schulzeit: Die Frage „warum machen wir das hier eigentlich?“ - meist ohne befriedigende Antwort. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für sinnhaftes, motiviertes Lernen und die Zukunft der Bildung ist dabei die Bewusstmachung und Kommunikation von persönlicher Relevanz der Inhalte und Aufgaben. Das bedeutet, dass wir die Chance haben, unser (Aus-)Bildungssystem in Zukunft für eine bessere Bildung auf Relevanz statt Autorität, auf Selbstverwirklichung statt Belohnung und auf sinnstiftenden Visionen statt „Hamsterrädern“ basieren zu lassen. Getreu dem Motto: „Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten“. Konzepten der Bildungswelt nicht nur stur zu folgen, sondern den Nutzen oder Wert dahinter zu erkennen, bietet eher einen persönlichen Grund dafür, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen.

#10 Der Mensch kann (und muss) wieder im Mittelpunkt von digitaler Bildung stehen.

Es mag selbstverständlich klingen, aber durch den technologischen Wandel und Unsicherheiten in der ‚VUCA Welt‘ kann es schnell passieren, dass technologischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum zur obersten Priorität gemacht wird. Es liegt allerdings stets an uns, was wir als oberstes Ziel von (Aus-)Bildung festlegen: Einerseits die Ausbildung von Menschen und das sorgfältige Erlernen von Berufen als Teil einer Maschinerie, die wirtschaftliches Wachstum generiert - oder andererseits die sinnorientierte Talentförderung eines jeden menschlichen Individuums, welche durch digitale Technik unterstützt und gefördert werden kann - und dann im zweiten Schritt „deswegen“ und nicht „trotzdem“ auch wirtschaftliche Ziele erreicht. 

Fazit zur Bildungswelt der Zukunft

Digitalisierung in der Bildungswelt bedeutet nicht „wir müssen jetzt auch was mit Technik machen“ - sondern „wir können die Technik nutzen, um den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen“. Genau dies ist auch für uns mit GEORG das oberste Prinzip in der Entwicklung von Inhalten und digitalen Plattformen, um die Zukunft der Bildung positiv mitzugestalten.

Für weitere Informationen über GEORG, die Digitale Berufliche Bildung von Westermann, bestellen Sie Ihr Gratis-Infopaket auf: www.georg.westermann.de

Bildnachweis: © unsplash.com/William Iven

Quellen:
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/vuca-119684
https://www.joeran.de/die-4k-skills-was-meint-kreativitaet-kritisches-de...
https://edoc.ub.uni-muenchen.de/22645/
https://visible-learning.org/de/
https://www.swr.de/swr2/wissen/resonanzpaedagogik/-/id=661224/did=175271...
https://www.bfz.de/wir-ueber-uns/projekte/it-digitalisierungspaedagoge-in/
https://www.aws-institut.de/im-io/kuenstliche-intelligenz/die-lehrende-k...
https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/8456095_Wer-Leistung-fordert-mu...
 

Verfasst vom Fachexperten Dr. Jan Ullmann!

Dr. Jan Ullmann ist E-Learning Trainer & Berater aus München. Seine Vision ist es, den Menschen mit seinen individuellen Talenten wieder zum Mittelpunkt der Bildung zu machen. Digitalisierte Medien sind für ihn wunderbare Werkzeuge, um menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Neugierde und kritisches Denken zu wecken. Er unterstützt mit seiner Arbeit öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Universitäten sowie das Lernen in der Ausbildungs- und Arbeitswelt. Kontakt: www.jan-ullmann.de | www.lernhandwerk.de

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